Schnitztechniken
Das Schnitzen mit dem Messer oder Stecheisen hat viele Gesichter. Herbert Mitterlehner hat in über 40 Jahren alle drei großen Techniken erlernt und angewendet — hier erklärt er die Unterschiede.
Kerbschnitzen
Beim Kerbschnitzen entstehen geometrische Muster durch das Herausarbeiten von V-förmigen Kerben aus dem Holz. Die Grundform ist immer ein Dreieck oder eine Kombination aus Dreiecken — durch das Spiel von Licht und Schatten in den schrägen Schnittflächen entsteht eine ganz eigene Tiefenwirkung.
Gearbeitet wird mit Lineal, Bleistift und Zirkel: Zuerst wird das gewünschte Muster direkt auf das Holz übertragen, dann mit einem Kerbmesser in ca. 45°-Schnitten herausgeschnitten. Das Holz der Wahl ist meist Lindenholz — es ist weich genug für saubere Schnitte, aber fest genug, um feine Details zu halten.
Kerbschnitzen hat eine lange Tradition in der Volkskunst. In den Alpenländern findet man es auf Möbeln, Truhen und Haustüren; in Skandinavien und Nordamerika hat die Technik ebenfalls tiefe Wurzeln. Der Einstieg ist vergleichsweise einfach: Bereits nach wenigen Stunden Übung sieht man erste sichtbare Ergebnisse. Eine Anfängerausrüstung — Brett, Messer, Lineal, Zirkel — ist für rund 25 Euro erhältlich.
Das Kerbschnitzen kann jeder lernen und bis ins hohe Alter ausüben. Genau das macht es so besonders.
Reliefschnitzen
Beim Reliefschnitzen wird eine Figur oder Szene aus einer flachen Holzplatte herausgearbeitet, sodass sie sich plastisch vom Hintergrund abhebt. Das Motiv bleibt mit dem Untergrund verbunden — anders als bei einer vollplastischen Figur — und entsteht durch das Vertiefen des umgebenden Holzes.
Die Technik verbindet zeichnerisches Denken mit handwerklichem Können: Zuerst wird das Motiv auf die Platte übertragen, dann der Hintergrund Schicht für Schicht abgetragen. Je nachdem wie weit der Hintergrund vertieft wird, spricht man von einem Flachrelief oder einem Hochrelief. Flachreliefs eignen sich gut für geometrische und ornamentale Motive; Hochreliefs ermöglichen ausdrucksstarke Figuren mit echter Tiefe.
Reliefschnitzereien wurden früher häufig bemalt, vergoldet oder mit Beize behandelt. Auch heute lassen sich Reliefplatten gut mit anderen Techniken kombinieren — etwa mit Kerbschnitt-Ornamenten als Rahmen.
Figurales Schnitzen
Das figurale Schnitzen — auch Freiformschnitzen oder dreidimensionales Schnitzen genannt — ist die anspruchsvollste der drei Techniken. Hier entsteht aus einem Holzblock eine vollständig dreidimensionale Figur, die von allen Seiten betrachtet werden kann.
Der Schnitzer denkt von Beginn an räumlich: Welche Form steckt im Holz? Wo liegen die Grenzen des Materials? Mit Stecheisen, Schnitzmessern und manchmal auch Klöpfeln wird der Block schrittweise abgetragen. Dabei muss man weit vorausdenken — ein falscher Schnitt ist nicht rückgängig zu machen.
Figurales Schnitzen umfasst sowohl realistische Darstellungen (Menschen, Tiere) als auch abstrakte Formen. Manche Figuren bleiben teilweise mit einer Platte verbunden und stehen zwischen Relief und Rundplastik — wie es etwa bei manchen der Werke auf dieser Seite der Fall ist.
Welche Technik überwiegt in Herberts Werk?
Den Hauptteil meiner Arbeit nimmt das Kerbschnitzen ein — die Schatztruhe, die Deckenbalken, der Löwe und viele Studien entstanden ausschließlich mit dieser Technik. Die Präzision der geometrischen Muster und das Spiel mit Licht und Schatten faszinieren mich bis heute.
Gleichzeitig habe ich beim Skull und bei Peace & Religion's bewusst mit Reliefarbeit gearbeitet: Figuren und Symbole heben sich vom Hintergrund ab, während das Kerbschnitt-Ornament den Rahmen bildet. Diese Verbindung der Techniken ist für mich das Interessanteste — wenn die Grenze zwischen Geometrie und Figur verschwimmt.